Grossbritannien

Unsere Route

England

Long time no see

Dank eines Tipps von einem Warmshower in Dänemark, sind wir dann per Fähre auf direktem Weg fast bis zur schottischen Grenze gefahren.

In Newcastle upon Tyne angekommen mussten wir uns natürlich gleich an die lokalen Gepflogenheiten anpassen und fahren seither ganz brav auf der linken Strassenseite und im Uhrzeigersinn im Kreisverkehr. Es passiert uns nur noch selten, dass wir zum Geisterfahrer werden, was mit dem Velo glücklicherweise nicht so dramatisch ist :-) Etwas (ein paar Tage, Anm. der Redaktion) später wurde uns dann auch klar, dass alle Angaben auf den Strassenschildern ja in Meilen sind…

Typisch für England und an Orten wie Newcastle ganz speziell sind die Zeitzeugen der Industrialisierung. Hier steht z. B. die älteste kombinierte Eisenbahn- und Strassenbrücke der Welt, die von Robert Stephenson geplant wurde. Sein Vater George Stephenson wuchs in der Umgebung von Newcastle auf und arbeitete in einer Kohlemine in dieser Gegend, bevor unter seiner Leitung die weltweit erste öffentliche Eisenbahn gebaut wurde.

Newcastle war für lange Zeit ein riesiger Kohleumschlagsplatz von Eisenbahnen oder Flussschiffen auf grosse Schiffe. Das führt dazu, dass es in der Umgebung viele stillgelegte Eisenbahnstrecken gibt, die heute Velo- und Fusswege sind, autofrei und angenehm flach. Solche Strecken treffen wir auch in anderen (vor allem Bergbau-)Gebieten immer wieder an und zeugen von einem massiven Wandel des Güterverkehrs und der Arbeitsplätze. Heutzutage ist Newcastle eine bedeutende Studentenstadt mit einem vorauseilenden Ruf für ein ausschweifendes Nachtleben. Das führt dazu, das Newcastle sich mit Hamburg um den Preis der Stadt mit den meisten Glasscherben streitet.

Sehr angenehm in Grossbritannien ist, dass staatliche Museen keinen Eintritt kosten (oder nur für Spezialaustellungen), dafür sind aber Spenden gerne gesehen. Wir können das nur unterstützen, da wir viele Familien in diesen Museen antreffen und auch wir selber in viele Museen hineingehen. So z. B. das Kunstmuseum BALTIC und Discovery Museum über die Industriegeschichte von Newcastle, Kohle Bergbau und Export.

Ein Highlight für Angela war das älteste Newsreel Kino in Newcastle, das neben aktuellen, mehrheitlich Arthousefilmen immer noch jeden Tag eine (historische) Wochenschau zeigt. Es gibt jeden Tag eine Führung von freiwilligen Helfern mit vielen Informationen zur Geschichte des Kinos und der Stadtentwicklung. An diesem Tag waren wir nur zu zweit und durften am Schluss sogar noch in den Projektionsraum. Bemerkenswert ist, dass sie sowohl digital wie auch analog 35 mm zeigen können. Gerade aktuell im Kino ist der Film Dunkirk, der bewusst analog gedreht wurde und in Newcastle ab Rolle gezeigt wurde.

Die Strecke an die Westküste von England führte uns fast 2000 Jahre zurück, als die Römer die südliche Hälfte der britischen Insel kontrollierten. Zum Schutz gegen die schottischen Stämme aus dem Norden wurde ab dem Jahr 73 unserer Zeitrechnung der Hadrians Wall gebaut. Ein bisschen wie der kleinere Bruder der chinesischen Mauer, die ja gegen die Mongolen aus dem Norden gebaut wurde.

Entlang der Mauer gab es alle 1,45 km ein römisches Fort für bis zu 300 Soldaten und dazwischen jeweils zwei permanent besetzte Wachtürme. Entsprechend gibt es diverse Museen und Ausgrabungsstätten die man besuchen kann und die Ruinen von längeren Abschnitten der Mauer sind bis heute erhalten.

Nach einer Weile an der englischen Westküste, wo es eigentlich nur kleinere verschlafene Dörfer für Sommertouristen und etwas Industrie gab, sind wir dann kurz vor Sellafield in den Lake District hinaufgefahren. Wie der Name schon sagt, gibt es hier mehrere grössere Seen umrandet von grünen Hügeln und Wäldern, landschaftlich ein Genuss, leider mit wenigen Ausweichstrecken für Velos.

Auf dem Weg nach Keswick, einem kleinen Touristenstädtchen, sind wir bei der Lake Distillery vorbei gefahren und haben es uns nicht nehmen lassen, eine Führung mitzumachen. Die Whiskey Brennerei ist erst 2.5 Jahre alt, wurde aber in historische Gebäude eingebaut, statt einem Neubau auf der grünen Wiese. Entsprechend fühlt sich die Anlage viel älter an. Die Produktion, in die man mit der Führung tatsächlich hinein kann, ist jedoch auf neustem Stand, inkl. Produktionssteuerungssystem und automatisierter CIP-Reinigung.

Die nationale Veloroute C2C (sea to sea), der wir eine Weile folgten, führte uns zu unserer grossen Verwunderung hinter Keswick plötzlich eine ziemlich steile Strasse hoch. Das Geheimnis lüftete sich erst auf dem “Gipfel”, wo sich zur Belohnung der Strapazen ein 4500 Jahre alter Steinkreis (Castlerigg stone circle) befindet, malerisch umringt von den höchsten Gipfeln im Lake District. Ein Reiseführer erklärte, dass es hunderte von Steinkreisen im Lake District alleine gebe und sich diese gegen Süden ausgebreitet haben, mit Stonehenge einem der jüngsten und präzisesten.

Per Zufall sind wir an einem Wettbewerb für Hirtenhunde und Hundezüchter vorbeigefahren. Da mussten wir natürlich sofort anhalten und uns live mit ansehen wie Hirten ihre Hunde mit verschiedenen Pfiffen auf 200 m Distanz dirigieren um so vier Schafe an bestimmten Toren vorbei zu führen, sie in ein Gatter einzusperren und sie in zwei Gruppen zu trennen. Daneben gab es eine sehr sehr englische Präsentation von Beagles. Wir haben davon nichts verstanden und haben einfach nur über die zeremonienhafte Darbietung der Herren (und Damen) in weissen Mänteln mit Melonen gestaunt, die ihre Hunde mit Leckerli dazu brachten, stillezustehen oder hin- und herzurennen.

Vom Lake District Nationalpark ist es auch mit dem Velo eine kurze, aber hügelige Strecke zum nächsten Nationalpark, den Yorkshire Dale. Diese fühlte sich sogar schon an wie richtige Bergpässe, mit Aussicht, kaltem Wind und ohne Bäume (als Schweizer hat man dann das Gefühl, dass man über der Baumgrenze, also ganz weit oben, ist).

Zur Abwechslung sind wir zur Malham Cove gewandert, einer 80 m hoch ragendenden Klippe, umgeben von Schafweiden und den typischen Steinmauern, bevor wir zum nächsten Bahnhof geradelt sind, von wo wir den Zug nach Manchester genommen haben.

Manchester war wieder eine typische (Ex-) Industriestatt, mit diesem unverkennbar (manchmal hässlichen) Mix aus alten und ganz neuen Gebäuden. Noch anfangs der 80er hätte man Leuten Geld geben müssen, damit sie nach Manchester ziehen. Inzwischen haben Investoren die Stadt entdeckt…

Zufälligerweise waren wir übers Wochenende in Manchester und hatten somit die komplette Auswahl des kulturellen Angebots. Wir haben uns für einen Comedy Club mit vier Stand-up Comedians entschieden. Trotz leichter Sprachbarrieren (je nach Komiker mehr oder weniger), eine ziemlich komische Sache, wir haben viel gelacht! Der Club ist in einem Bogen der Hochbahn untergebrach, wo auch immer noch Züge fahren. Zum Glück gab es im Comedy Store keinen Dresscode, so wie in den Clubs nebenan, wir waren in unseren Campingklamotten ziemlich underdressed, vergichen mit den teils übertrieben aufgetakelten Partygängern.

Am nächsten Morgen haben wir die Gelegenheit genutzt und an einer 3-stündigen (!) Führung teilgenommen. Es wurde aber keine Sekunde langweilig, es gab viele Geschichten von Industrialisierung, Demonstrationen und legendären Musikclubs zu hören. In Manchester wurden Gewerkschaften erfunden, hier haben Marx und Engels den Kommunismus diskutiert und es wurde gegen die Herrschaft durch den Adel und, etwas später, der Männer aufbegehrt. Das People's Museum danach war eine spannende Ergänzung zur Stadtführung. Hier wurde vertieft auf die Entstehung von Gewerkschaften, demokratischen Parteien und die Frauenstimmrechtsbewegung eingegangen.

Am nächsten Tag widmeten wir uns dann wieder eher techischen Themen im Science Museum, das den kompletten Textilverarbeitungsprozess mit lauffähigen Maschinen vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt und den weltweit ältesten Bahnhof aus 1830 beinhaltet. Ein weiteres Highlight war die umfassende Sammlung von Dampfmaschinen, die älteste von 1830, sowie frühen Verbrennungsmotoren, ohne die die Industrialisierung nicht möglich gewesen wäre.

Hier haben wir auch gelernt, dass Manchester ein hydraulisches Energiesystem hatte, ein System, dass uns vorher komplett unbekannt war und auch andere Städte in England hatten. Wie Christoph so ist, er hat den ganzen Wikipediaartikel zum Thema gelesen und so herausgefunden, dass der Springbrunnen im Genfersee ursprünglich gar kein Springbrunnen war, sondern ein Überdruckventil des hydraulischen Energiesystems von Genf.

Eine Zugstunde westlich von Manchester liegt Liverpool. Die beiden Städte sind bei vielen Themen und Gelegenheiten gegenseitige Rivalen. Heute hauptsächlich im Fussball, gibt es weiter zurückliegende Rivalitäten. Ursprünglich wurden alle vom Meer kommenden Güter in Liverpool umgeladen um sie nach Manchester zu bringen. Um sich Gebühren und Aufwand zu sparen, wurde ein Kanal und ein Hafen in Manchester gebaut. Eine spannende Geschichte war, dass sich Manchester im amerikanischen Bürgerkrieg auf die Seite der Nordstaaten gestellt hat, also gegen die Sklaverei, indem Baumwolle aus den Südstaaten boykottiert wurde. Darum hatte die Stadt eine Zeit lang mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, weil es zu wenig Sklaven-freie Baumwolle gab. Liverpool dagegen hat die Südstaaten politisch und wirtschaftlich unterstützt so z.B. auch mit dem Bau von Kriegsschiffen. Im bewegenden Sklavereimuseum in Liverpool wird diese schwarze Geschichte beleuchtet, wie auch die Rolle, die die Händler und Reedereien in Liverpool im Sklavenhandel spielten, aber auch der Prozess der Abschaffung der Sklaverei und deren Folgen für die ehemaligen Sklaven.

Nach einem Pausentag ist nun alles wieder gewaschen, geputzt und der Zeltboden ist vom Schimmel befreit (das feuchte Wetter in den Niederlanden und in England hatte sich bemerkbar gemacht) und wir sind nach Wales aufgebrochen. Da es sich, gemäss den Einheimischen, um ein eigenes Land handelt, erzählen wir Euch davon beim nächsten mal.

Wales

Shw'mae und bora da

(Viel) Später als gewollt, nun endlich der Bericht zu Wales. Ehrlich gesagt, wir sind ziemlich im Rückstand mit unseren Berichten, irgendwie gibt es immer so viel zu tun (Essen, Velofahren, Essen, Leute kennen lernen, essen und schlafen, um nur einige Dinge zu nennen).

Wir hatten ja geschrieben, dass Wales fast ein eigenes Land ist, jedenfalls hat es seit einigen Jahren sein eigenes Parlament (So wie Schottland auch) und seine eigene Sprache, die seit den 1970ern auch als offizielle Sprache anerkannt ist und seither entsprechend auch in den Schulen gelehrt wird. Das ist dann auch das Erste woran man merkt, dass man jetzt nicht mehr in England ist: Alle Schilder sind zweisprachig in Walisisch und Englisch. Walisisch gehört zu den Sprachen mit keltischer Abstammung, so wie Schottisch, Irisch und Gälisch. Die Gruppen untereinander verstehen sich aber nicht, weil die Sprachen doch zu unterschiedlich sind.

Für Grossbritannien war es ein grosser Schritt, diese Minderheiten und ihre Sprachen anzuerkennen, da über mehrere Jahrhunderte versucht wurde, Englisch durchzusetzen und alles andere zu unterdrücken. Regional ist es ganz verschieden, wie gross die jeweiligen Sprachgruppen sind. Im Norden und generell an der Westküste gibt es mehr Walisisch Sprechende, im Süden wechselt das teilweise je nach Dorf.

Viel von dem gerade erzählten haben wir von Darren, einem Walisisch sprechenden Warmshowers gelernt, der uns nach dem Abendessen dann noch nach Caernarfon mitgenommen hat, wo wir die dicken Stadtmauern nicht nur von aussen sondern wortwörtlich auch von innen betrachtet haben. Die Befestigung wurde natürlich von Engländern zum Schutz vor Walisern gebaut und gegen die Bucht hin direkt in die Stadtmauer eingebaut. In der Mauer sind die Räumlichkeiten des Majestätischen Segel- und Ruderclubs.

Bei einem Drink in diesem Club haben wir wieder einmal Velofahrer kennen gelernt, die noch verrückter sind als wir: Ein Ehepaar aus England, das nun pensioniert nach Wales gezogen ist, weil es hier viel schöner ist, weniger Verkehr hat und mehr Berge hat zum Velofahren.

Wie in den vorhergehenden Berichten schon erwähnt, fahren wir viel auf ehemaligen Eisenbahnstrecken. Diese gibt es auch in Wales und wurden ursprünglich für das Hauptexportprodukt von hier gebraucht: Schiefer. Dieser wurde meist als feuerfeste Dachziegel verwendet. Die Abraumhalden und Spuren des Schiefertagebaus sind zwischendurch auch entlang der Wege sichtbar.

In Wales gibt es gleich eine Reihe von immer noch aktiven Dampfeisenbahnen, die auf Schmalspurstrecken verkehren, die ehemals für den Schiefertransport genutzt wurden. Diese werden wie so oft von Freiwilligen betrieben und in Schuss gehalten. Und die 1. Klasse hat ihren Namen wirklich verdient, mit schön bezogenen Ohrensesseln im Speisewagen. um bequem die Aussicht zu geniessen.

Mitten in Wales, praktischerweise an unserem Veloweg gelegen, befindet sich das Center for Advanced Technologies CAT. Es ist halb Museum, halb Uni mit Unterkunft. Gegründet wurde es vor ca. 40 Jahren mit dem Gedanken, auf einer ehemaligen Schieferabraumhalde auf nachhaltige und umweltfreundliche Art zu leben. So entstand hier das am besten isolierte Haus Englands und durch geduldiges Kompostieren konnte das ganze Gebiet wieder aus eigener Kraft bepflanzt werden. Die Energie wird mit Windkraft und Solarpanels, Heisswasser ebenfalls von der Sonne gewonnen und die Standseilbahn wird mit Schwerkraft betrieben, indem die eine Bahn, die oben ist, mit Wasser befüllt wird und diese zieht dann die zweite Bahn, die unten ist, hoch. Es wurden viele Themen um nachhaltiges Leben beleuchtet, wie umweltfreundliche Gärten und Kompostieren, was in einem typischen Wohnhaus wie viel Energie braucht, CO2 Abdruck von verschiedenen Lebensmitteln im Vergleich (v.a. Fleisch), verschiedene Typen von Heizung und Energiegewinnung im Privaten bis hin zur Grossindustriellen Anlage, verschiedenen Materialien im Hausbau und deren Wirkung etc. Dadurch, dass das CAT schon einige Jahre auf dem Buckel hat, kann auch schon über Erfahrungen berichtet werden, dieser Teil kam aber aus unserer Sicht etwas zu kurz.

Neben dem öffentlichen Teil für uns Laien, gibt es auch eine richtige Universität, wo man Architektur und Umweltwissenschaften studieren kann. Aktuelles Forschungsthema sind z.B. gerade nachhaltige Lösungen für die wasserdichten Planen die bei grünen Fassaden und Dächern nötig sind und heute mehrheitlich aus (Erdöl-)Kunststoffen bestehen. Hinzu kommen Kurse für Klempner, Heizungsinstallateure und Elektriker, wie die neue Technik installiert wird und wie die richtige Technik im Einzelfall eruiert wird. Kurz, ein sehr spannender Ort für uns.

An diesem Abend war es schwierig, einen Campingplatz zu finden, der auch Zelte nimmt. Wie wir dann erfahren haben, braucht es dazu eine separate Lizenz. So sind wir dann beim alten Eigner des Campingplatzes im Garten umsonst untergekommen, weil die gute Seele uns keinen anderen Platz in der Gegend empfehlen konnte. Wir haben dann sogar zusammen z'Nacht gegessen (er seines und wir unseres) und hatten spannende Gespräche.

Am nächsten Tag haben wir uns dann eine steile Bergstrasse gespart und sind mit Umweg der Hauptstrasse entlang gefahren. Bei der Kreuzung, wo wir runter gekommen wären, trafen wir auf eine andere Tourenfahrerin, Carrie, die uns anschliessend einige Stunden durch die Täler von Wales begleitete. Die Arme hatte ihr Velo 4 km den Berg hoch schieben müssen! Das hat sie aber überhaupt nicht gestört, sie fand es toll, dass sie die anspruchsvolle Strecke mit Steigungen bis 30% in ihrem Alter überhaupt schafft. Als sie unsere weiteren Pläne hörte, hat sie uns sofort zu sich nach Hause eingeladen, falls wir wollten, da der Veloweg ganz in der Nähe durch führt.

Zuerst trennten sich aber unsere Wege wieder. Die Täler und Hügel in Wales sind abwechslungsreich, teils bewaldet, mit ab und zu Stauseen. Der letzte Tag nach Cardiff hat uns wieder einmal auf einer alten Eisenbahnstrecke mit angenehmer Steigung über einen Pass geführt, wo gleich auf beiden Seiten ein Stausee war. Gleich nach dem Pass gab es einen kleinen Tearoom, der voll bepackt war mit Leuten, die sich wie wir, einen klassischen Afternoon Tea mit Sandwich, Scones mit Clotted Cream und Marmelade und ein Stück Kuchen genossen. Danach ist man voll und glücklich.

In Cardiff sind wir wieder bei einem Warmshowers untergekommen, einem Musiker, der als Nebenverdienst zur Zeit in einem Altenheim arbeitet. Er hat uns eine Rundtour um die Bucht empfohlen, die mit tollen Ausblicken von der Klippe auf England und die einfache Skyline von Cardiff auf sich wartete. In der Altstadt sind wir per Zufall auf den ältesten Musikladen der Welt, Spiller Records, gestossen, den es seit 1884 gibt. Er ist zwar drei mal umgezogen, hat aber eine durchgehende Geschichte auf die der Laden auch sehr stolz ist. Im Laden werden auch alte Tonträger wie Edison Walzen ausgestellt und Ansichtskarten aus den frühen Jahren verkauft.

Das St. Fagans ist ein Freilichtmuseum in das Gebäude von ganz Wales verfrachtet wurden. Das Museum ist nur wenige Kilometer ausserhalb von Cardiff und auf dem Grundstück befindet sich auch die Sommerresidenz des walisischen Adelsgeschlechts. Dieses Schloss und das Grundstück wurde von ihnen an den Staat verschenkt, mit der Auflage, es als Museum zu öffnen.

Das war Wales. Wir hatten sehr viel Wetterglück, was uns Wales viel sympathischer gemacht hat als England. Wir können nicht garantieren, dass es für andere ebenso sein wird :-)

England Teil 2, Cardiff bis Land's End

Nach unserem Ausflug in Wales sind wir wieder zurück in England.

Schon am ersten Tag kamen wir durch Glastonbury hindurch, für uns vor allem wegen des Musikfestivals bekannt für das es aber extrem mühsam ist Tickets zu bekommen. Was uns nicht bekannt war vorher, ist die Wichtigkeit in der Artusgeschichte als Ort der Druiden. Das führt heute dazu, dass die Innenstadt nur so von Touristen und Geschäften wimmelt die nach Esokerik schreien. Das macht die Stadt auch ziemlich bunt, abwechslungsreich und irgendwie halt doch ganz symphatisch im sonst so immer ähnlichen England.

In einem kleinen Dorf nahe Glastenbury wohnt Carrie, die wir schon in Wales getroffen haben und die uns zu sich nach Hause eingeladen hat. Sie ist nur ein paar Tage vor uns nach Hause gekommen, hiess uns aber trotzdem mit einem feinen und gesunden z'Nacht willkommen. Es ergab sich, dass Sie und ihr Mann Ben am nächsten Tag mit dem Auto nach Kent (einmal quer durch England von der Westküste bis fast zur Ostküste, an London vorbei) zu einem alten Wald fuhren, wo Bens Bruder und ihr Sohn, die beide Schauspieler sind, mit ein paar Freunden Shakespeare's “A Midsummer Nights Dream” aufführten. Dazu haben wir uns dann spontan selbst eingeladen und es nicht bereut.

Es war keine öffentliche Aufführung, sondern ein paar (professionelle) Schauspieler, die aus der Lust am Spiel und aus Freundschaft zusammen kamen und das Werk zusammen aufführten. Das Stück spielt mehrheitlich im Wald, mit Feen und anderen Zauberwesen, so dass der ganze Wald als Bühne genutzt wurde. Das Publikum folgte dabei jeweils den Schauspielern durch den Wald… Die meisten Schauspieler brauchten zwar ein Skript, weil sie den Text nicht auswendig konnten, das hat man ihrem Spiel erstaunlicherweise aber kaum angemerkt. Ein Musiker untermalte die Szenenwechsel und wo sonst passend das Gespielte mit Musik, z.B. mit einer Art selbstgebautem Xylophon aus Ästen. Die Stimmung ist schwierig zu beschreiben, aber definitiv ein Erlebnis, das uns lange in Erinnerung bleiben wird.

Nach diesem Ausflug hiess es leider wieder Abschied nehmen und entlang der Nationalen Veloroute Nr. 3 Richtung Westen weiter fahren. Die Gegend ist sehr ländlich und hügelig, mit Kleinststrassen, die genau so breit sind wie ein normaler Traktor. Ein stetes Auf und Ab, von hohen Hecken mit Brenesseln und Brombeeren gesäumt und Bäumen überwachsen. Insgesamt sind die Strassen in England in einem schlechten Zustand, mit vielen Unebenheiten, grober Oberfläche und Schlaglöchern, dafür ist jede noch so kleine Nebenstrasse geteert.

Irgendwo zwischen zwei Dörfern auf einer dieser einspurigen Strassen, haben wir Philippa getroffen, die 3 mal die Woche eine Stunde pro Weg mit dem Fahrrad pendelt. Christophs Neugierde, die ihn jeden Fahrradfahrer ansprechen lässt, der wie ein Tourenfahrer aussieht, führte prompt zu einer Einladung, bei ihr zu übernachten. Sie hat sogar Spaghetti gekocht. Philippa war selbst viel unterwegs, vor allem per Anhalter und hat so selbst viel Gastfreundschaft erfahren.

Neben ihrer Herzlichkeit ist uns aber auch ihr Haus, in dem sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt, geblieben. Im Gegensatz zum Britischen Durchschnitt wurde ihr Haus professionell renoviert, die Technik modern und doch den Stil des Bauernhauses erhalten, vom Holzofenherd bis hin zum bemalten Holzbett. Es ist selten, dass man in England gut isolierte Häuser mit anständigen Fenstern, sauber gemalten Wänden und glatt verlegten Fussböden antrifft. Vor allem Miethäuser sind oft in einem erbärmlichen Zustand, mit Einfachverglasung und WC-Spülkästen, die nicht richtig funktionieren, geschweige denn Wasser sparen könnten. Wir können nur erahnen, wie schwierig es gewesen sein muss, die guten Handwerker dafür zu finden…

Frisch gestärkt und mit Früchten aus dem Garten beladen, fuhren wir weiter durch das violett blühende Exmoor, die Schönheit lediglich durch den anhaltenden Nieselregen etwas getrübt.

Die nördliche Küste Westenglands wurde immer hügliger, die Landschaft durch Täler mit steilen Hängen geprägt. Abwechslungsreich, aber Steigungen bis 30% fordern die Beinmuskeln ziemlich. Wir wurden jedoch für unsere Strapazen mit Aussicht von Klippen herab und abgelegenen Buchten mit gefalteten Gesteinsschichten im Fels belohnt.

Je weiter nach Westen wir fuhren, desto stärker wurde der Wind, aber umso schwächer der Verkehr. So konnten wir die Küstenstrasse in Cornwall so richtig geniessen, mit Sonnenschein und glitzerndem Meer.

Wir haben uns auch mehrere tausend Jahre alte Steinkreise und ein Rad angeschaut, die, ohne grosse Beschilderung und nur mit GPS, in Feldern zu finden waren.

Das Ziel jeden Fahrradfahrers in England ist jedoch Land's End, dem westlichsten Zipfel Englands und zugleich Start und Ende des berühmten End to End cycleways nach John O'Groats in Schottland. Es hat sich auch für uns ein bisschen wie ein Ende angefühlt, diese lange Veloreise geht langsam zu Ende, und wie ein Anfang, denn ein neues Leben wird für uns beginnen, auch wenn wir noch nicht so genau wissen, wo und was.

Doch zuerst hatten wir noch einige hundert Kilometer nach Dover vor uns.

England Teil 3, Land's End bis Dover

Hou oder Dydh da (Das ist Cornisch)

Land's End selber hat ausser ein paar, sehr auf Touristenabzocke bedachten Läden für Cornisch Pastry nichts zu bieten. Aber nur eine Handvoll Kilometer weiter gibt es einmalige Reiseziele.

Eines davon ist das Minack Theater, ein Freilichttheater, das regelrecht in die Klippe hinein gehauen wurde. Die Kulisse ist spektakulär, die Zuschauerplätze nur für schwindelfreie.

Christoph hatte mal wieder ganz eigene Gründe, wieso er ans Ende der Welt fahren wollte: Diese abgelegene Gegend, die heutzutage eigentlich nur noch für Milchprodukte (Clotted Cream) bekannt ist, war früher weltweit bedeutend wegen Zinn- und Kupferminen und etwas später als Zentrum für die weltumspannende Nachrichtenübertragung.

Im kleinen engen Tal von Porthcurno ist das Telegraph Museum, in dem die Gechichte der Unterseekabel und der dazu verwendeten Telegraphen gezeigt wird. In diesem Tal wurden seit dem Jahr 1870 Unterseekabel für Morsetelegraphie an Land gebracht (am Schluss 14 Stück) und ermöglichten so die Kommunikation nach Ägypten, Indien und bis nach Neuseeland. Diese Kabel waren natürlich kriegswichtig und entsprechend wurde dieses Tal gut beschützt. Während dem 2. Weltkrieg wurden die ganzen Anlagen in einen extra gebauten Bunker verlegt, der heute auch zum Museum gehört. In späteren Jahren war die ganze Telegraphie automatisiert aber die Station, die heute als Museum dient, blieb als Ausbildungszentrum für die weltweit im Einsatz stehenden Techniker und Operateure im Einsatz.

Auch heute kommen in diesem kleinen Tal immer noch Unterseekabel an Land. Derzeit sind es wieder 14 Kabel mit je 8 oder mehr Glasfasern darin und weitere Glasfaserkabel kommen an anderen Stellen hier in der Gegend um Land's End an Land. Diese Kabel transportieren einen grossen Teil der transkontinentalen Daten unserer täglichen Internetnutzung.

Das sind aber nicht die einzigen bedeutenden Bauwerke in Cornwall. In der Nähe des südlichsten Punkts von England, dem Lizard Point, gibt es ein sehr windiges Feld über den Klippen bei Poldhu mit freier Sicht auf den Atlantik. Dieses Feld wurde von Gugliermo Marconi ausgesucht um 1901 die erste Funkübertragung über den Atlantik durchzuführen. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man zwar innerhalb von Minuten nach Neuseeland telegraphieren aber nicht mit Schiffen hinter dem Horizont kommunizieren. Dank den theoretischen Arbeiten von James Clark Maxwell und den praktischen Versuchen von Heinrich Herz war für Marconi klar, dass eine solche Übertragung möglich sein muss und experimentierte über Jahre mit Funkübertragung und beschaffte die nötigen Mittel für eine Sendestation in Poldhu. Dies war der Start in das kommerzielle Funkzeitalter.

Heute erinnern ein paar Fundamentüberreste und ein Informationszentrum an diese Pionierzeit. Betrieben wird das Marconi Center vom örtlichen Amateurfunkverein (GB2GM). Die Mitglieder wissen natürlich ganz viel zu erzählen über die Anfänge, den Ort und was sich seither so alles getan hat in der Welt der Funkkommunikation. Und gefunkt wird dort auch heute noch!

Aber zurück zur Gegenwart. Unsere nächste Destination war eine ehemalige Tagebaugrube für weisse Tonerde (aus der Porzellangegenstände gemacht werden). Diese ehemals leblose Grube wurde unter dem Namen Eden Project seit 1995 aufwändigst in einen riesigen Garten verwandelt mit verschiedenen Aussenbereichen und zwei Biosphären (grosse, kuppelförmige Gewächshäuser).

In einer der Biosphären waren Pflanzen aus verschiedenen Regenwäldern zu sehen und es wurde neben der Beschreibung der Pflanzen und deren Bedeutung auch auf die Probleme und Arbeitsbedingungen bei Bananenplantagen (in Grossbritannien sind gerade mal 10% der Bananen Fair-Trade), der Urwaldzerstörung und ausbeuterischen Zuständen (inkl. Kinderarbeit) bei der Palmöl Herstellung und der nachhaltigen Gewinnung von Latex (Natürliches Gummi) eingegangen. Die zweite Biosphäre beherbergt Pflanzen aus heissen, trockenen Regionen wie dem Mittelmeer, Australien und Südafrika. Geblieben sind uns die zwei Bereiche, in denen die Sortenvielfalt von Tomaten und Chillies präsentiert wurde.

Auch im Aussenbereich gab es viel zu entdecken, von medizinisch genutzten Kräutern, Gemüse und Früchten aus der Region, Pflanzen die traditionell zum Färben genutzt wurden und auch einfach nur schöne Blumen. Sehr spannend war auch der Lehrpfad zur Pflanzenentwicklung, resp. wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat, mit dazu passender Vegetation, oder zumindest die Pflanzen, die seit dieser Zeit überlebt haben.

Übernachtet haben wir vorher in der Jugendherberge, die gleich neben dem Eden Project errichtet wurde. Statt einem grossen Gebäude wurden dutzende 20 Fuss Container zu 4er Zimmern mit Dusche umgebaut. Zwei Zimmer hatten in einem Container Platz. Etwas eng, aber für eine Nacht war es ein Erlebnis.

Da wir schon bei Warmshowers in Plymouth für den gleichen Abend eingeladen waren, haben wir den Zug genommen, statt die Tagesetappe mit dem Fahrrad zu bestreiten, was uns mehr Zeit für den Garten gegeben hat. Glücklicherweise begann es erst zu regnen, als wir auf dem Weg zum Zug waren, dafür dann aber so richtig. Vom Bahnhof der Hauptstrasse entlang den Berg hoch zu strampeln, in strömendem Regen, in der Dämmerung und während der Stosszeit, waren die nervenaufreibendsten zwanzig Minuten der ganzen Reise. Patschnass anzukommen und dann von einer freudig lächelnden, fremden Person herzlich begrüsst zu werden, ein unbeschreibliches Gefühl.

Von Plymouth aus hatten wir mehrere Möglichkeiten, um weiter zu fahren. Wir haben uns dafür entschieden, einmal quer durchs Dartmoor zu fahren. Es war windig (zum Glück im Rücken), kalt und nass, fürs Mittagessen haben wir in einem Bushäuschen Schutz gesucht.

Doch kaum waren wir über den Berg rüber, hat der Regen nachgelassen und es ist sogar noch etwas die Sonne raus gekommen. Die wilde Heidelandschaft war die Strapazen jedoch wert, auch wenn es nicht so schön violett geblüht hat, wie im Exmoor.

In Exeter sind wir gerade noch pünktlich für den Even Song in der berühmten Kathedrale angekommen. Der Gesang hat das erste Mal ein Heimweh und das Bedürfnis nach Singen im Chor bei Angela geweckt. Sogar Christoph war nicht unberührt, obwohl es ein Gottesdienst war.

In Exeter haben wir auch unseren Lieblingswitz entdeckt:

What is the best thing about Switzerland? I don't know but the flag is a big plus.

Was ist das Beste an der Schweiz? Ich weiss es nicht, aber die Flagge ist ein grosses Plus.

Am nächsten Morgen konnten wir bei strahlendem Sonnenschein unsere lange Etappe entlang der Jurassischen Küste beginnen. Diese ist geologisch spannend, weil hier 240 Mio - 65 Mio Jahre alte Erdschichten zu sehen sind, bei Exmouth die ältesten, gegen Osten immer jünger werdend. In dieser Zeitspanne waren die Kontinente noch stark in Bewegung und England war zeitweise unter und über Wasser, wodurch es auch fossilienreiche Schichten gibt. Auch die Farbe ändert sich, von gelblich und rötlich, zu eher gräulich und weiter östlich dann weiss, teils mit Muschelablagerungen, wie man sie auch von Dover her kennt.

An alle Geologen, bitte entschuldigt die Vereinfachung. Wer sich dafür interessiert, es gibt in Lyme Regis ein Fossilienmuseum, das auf den ersten Blick altmodisch und muffig wirkt, aber die ganze Erdgeschichte sehr informativ aufbereitet und wunderschöne Exponate ausstellt.

Ausser den Fossilien ist die Gegend auch landschaftlich ein Genuss, eine Wanderung zum Golden Cap, dem höchsten Punkt an der Südküste mit 191 m.ü.M. ermöglichte uns einen Blick entlang der gesamten Jurassic Coast.

Auch die Durdle Door, ein vom Meer in den Fels gearbeitetes Tor, war einen kurzen Abstecher wert.

Die Strecke entlang dem Meer musste hart erarbeitet werden, da die hohen Klippen immer wieder von Flusstälern durchschnitten sind, was dazu führt, dass die Strassen steil sind. Dies haben wir uns später etwas erspart, indem wir mehr Inland gefahren sind. Auch Portland, eine Halbinsel am Ende der Jurassic Coast, wo die Steine für viele berühmte Gebäude, wie z.B. das weisse Haus in Washington herkommen, haben wir wegen Unwetterwarnung dann auslassen müssen, das wären nochmals 20 km Weg gewesen. Die dunklen Wolken sind zum Glück mehrheitlich hinter uns durchgezogen.

Von Lymington aus sind wir am nächsten Tag auf die Isle of Wight. Die Insel war eine angenehme Abwechslung, landschaftlich abwechslungsreich mit vielen Aussichtspunkten, die Steigungen gering und alle Strassen frisch geteert. Wenn die Strasse mal glatt und eben ist, kommt man gleich wieder viel besser voran. Leider ist dies generell in England selten der Fall. Einen Zeltplatz zu finden hat sich dann erstaunlicherweise als schwierig herausgestellt. Die Campingplätze auf der Karte haben sich mehrheitlich als Holiday Parks herausgestellt, wo man einen Caravan für eine Woche mieten muss.

In Chichester haben wir den Abend mit Philippe verbracht, einem Freund von Christoph der nun seit drei Jahren in der Gegend lebt für seine Pilotenausbildung. Es war ein sehr gemütlicher Abend und es war schön jemanden zu haben, um die ganzen Eindrücke mit jemandem zu teilen und zu diskutieren der in der Zwischenzeit auch ganz schön rumgekomen ist in England.

Von Littlehampton war es nicht mehr weit bis Brighton, wo wir uns den Royal Palace angesehen haben.

Als Lustschloss gebaut, wurde Innen in “chinesischem Stil” eingerichtet, der damals in Mode war, mit opulentem Speisesaal, grosser Küche und vielen kleineren Räumen. Aussen hingegen wurden Stilelemente aus Indien verwendet, aber von der Raumandordnung, Gängen etc. ist es ein europäisches Gebäude. Die Stadt Brighton hat das Gebäude von Queen Victoria abgekauft, die mit dem Palast nichts anzufangen wusste. Denn der Palast steht mitten im Stadzentrum, ohne grossen Park drumherum oder hohen Hecken. Zitat von Queen Victoria beim ersten Besuch: “[…] Ich verstehe das nicht, man ist am Meer, aber vom Palast aus kann man das Meer nur an einer kleinen Stelle sehen”.

Auf den letzten Kilometern nach Dover sind wir noch an einem von Christophs Reisezielen vorbeigekommen. Nahe Dover, in einem kleinen Naturschutzgebiet, stehen die Sound Mirrors. Aus Beton gebaute Parabolspiegel, die die Geräusche von Flugzeugen verstärken sollten, um ein Frühwarnsystem von Luftangriffen zu entwickeln. Abgelöst durch Radar, ist die Technik nie über das Forschungsstadium hinaus weiterentwickelt worden.

In Dover anzukommen war ein komisches Gefühl. So lange fühlte es sich an, als sei das Ziel weit weg und plötzlich und ohne mit dem Zug abzukürzen, sind wir da. Für das Dover Castle haben wir uns einen Tag Zeit genommen. Die Anlage auf der weissen Klippe über dem Fährhafen enthält einen Leuchtturm aus der Römerzeit, ein Schloss aus dem Mittelalter und seit der Zeit von Napoleon ein grosses Tunnelsystem in der Klippe, das im ersten und zweiten Weltkrieg für die Unterbringung von Soldaten und als Sprengstofflager verwendet wurde. Es gab eine spannende Führung zur Evakuierung der britischen und französischen Armeen aus Dünkirchen, als die Deutschen, trotz schlechter ausgerüsteter Armee die Briten und Franzosen schlagen und in die Flucht treiben konnten. Dies führte dazu, dass das gesamte Material der britischen und französischen Armeen auf dem Festland blieb und der britischen Flotte während der Evakuierung hohe Verluste zugefügt wurden. Ein weiterer Teil der Ausstellung zeigte auch, wie die Briten durch den Bau von Attrappen und gefälschten Funksprüchen den Deutschen vorgegaukelt haben, dass die Armee besser ausgerüstet ist, als sie es tatsächlich war und so einen Einmarsch verhindern konnte.

Nach 6 Wochen und 2340 km verlassen wir nun wieder die Britische Insel. Nach dieser längeren Zeit gibt es natürlich noch ein paar generelle Eindrücke zu berichten und ein bisschen ein Fazit zu ziehen über diese eigensinnige Insel.

Wir wurden öfters gewarnt vor den englischen Autofahrern, schon bevor wir hier hergekommen sind und wurden von mehreren Warmshowers Hosts dazu befragt. Im grossen und ganzen waren die Autofahrer aber ziemlich rücksichtsvoll, jedenfalls auf den kleinen Strassen. Sie sind es sich aber überhaupt nicht gewohnt zu schauen, ob vielleicht ein Fussgänger oder Velofahrer die Strasse überqueren möchte. Das Auto hat Vortritt und abweichendes Verhalten kann gefährlich werden und wird mit Hupen kommentiert. Generell ist man als Velofahrer aber nicht schlechter dran als in der Schweiz (da überholen sie ja auch sehr eng) oder z. B. Lettland (sind sich andere Verkehrsteilnehmer nicht gewohnt) und wir können England gerade wegen dem sehr weit ausgebautem Velowegnetz als Reiseland empfehlen.

Eine weitere Überraschung war, dass Campingplätze im Norden besser waren, als im Süden. Während die Campingplätze im Norden auch eher für Wanderer und Fahrradfahrer ausgerüstet waren, sprich einen Raum zum Kochen und Essen hatten und oft sogar einen Trockenraum, um die nassen Klamotten aufhängen zu können, boten die Campingplätze im Süden gerade mal eine (manchmal ebene) Wiese und einen Duschraum. Vielleicht weil im Süden die Touristen sowieso kommen…

Eine etwas unsympatische Eigenart ist, dass viel Wert auf das Privateigentum gelegt wird, was soweit geht, dass eine Einfahrt zum eigenen Nachteil verbaut wird, damit andere Autofahrer diese nicht zum Wenden nutzen können. Angesichts der oft engen Strassen, wo ein Wenden für Autos unmöglich ist, für uns unverständlich. Das wurde aber von unseren vielen Gastgebern mehr als aufgewogen. Die Warmshowers in England waren alle herzlich, offen und sehr grosszügig.

Und zum Schluss, das Wetter: Wir würden sagen, ja es gibt so etwas wie “Englisches Wetter”. Es war immer wieder nass, oft schien aber gleichzeitig(!) die Sonne und man wusste nicht so recht von welcher Wolke das gerade herunter kommt. Es gab entsprechend viele Regenbögen zu bestaunen. Wir haben unterdessen auch neue Wörter zum unterschieden von Regen gelernt: Splash, ein ganz kurzer Schauer und ein Spell, ein etwas längerer, heftigerer Schauer. Auch das Lesen eines englischen Wetterberichts hinterlässt das Gefühl, dass die Verfasser eine zynische Ader haben, von der es dann nicht mehr weit ist bis zum berühmten schwarzen Humor der Engländer.

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